Tribunal 45 – Working on Justice (2025)

“Der Zweite Weltkrieg ist vorbei und große Teile Europas sind zerstört. So auch Nürnberg. Erst jetzt wird das Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen für alle deutlich. Millionen Menschen wurden vertrieben, verfolgt, versklavt und ermordet. Diese Gräueltaten weckten in der internationalen Gemeinschaft den Wunsch, die Verantwortlichen des NS-Regimes zu bestrafen.” (Auszug aus dem Prolog des Spiels Tribunal 45)


Produktion: PlayingHistory | Memorium Nürnberger Prozesse
Meine Tätigkeit: Projektleitung | Game Design & Narrative Design | Testing
Online: https://www.tribunal45.de/


Das Serious Game „Tribunal 45“ gibt Einblicke in die Nürnberger Prozesse, die als Meilenstein in der Geschichte des Völkerstrafrechts gelten. Es versetzt Spielerinnen und Spieler in die Rolle der französischen Anklägerin Aline Chalufour. Als reale historische Figur arbeitete sie beim Internationalen Militärtribunal 1945 am Anklagepunkt Kriegsverbrechen, insbesondere Geiselerschießungen. 

Die Spielenden erleben das Tribunal in vier Phasen: die ersten Tage des Prozesses, die Beweisaufnahme, die Verteidigungsphase und die Vorbereitung der Abschlussrede. Ihre Aufgabe besteht darin, die Französische Anklage durch den gesamten Prozess hinweg zu unterstützen. Das machen sie zB, indem sie das Justizgebäude erkunden, mit Prozessbeteiligten reden und wichtige Themen des Prozesses aushandeln, Dokumente ordnen oder Beweis- & Argumentationsketten zusammenstellen. Dabei gewinnen Sie Einblicke in den Prozess und sammeln Argumente, die sie in schwierigen Diskussionen einsetzen können. 

Von Aushandlungsprozessen und Kompromissen

Die Diskussionen sind in Tribunal 45 als strategisches Duell inszeniert. Sie widmen sich jeweils einem thematischen Teilaspekt der Prozesse. Unser Gegenüber hat dazu stets drei Kernargument, die jeweils mit einem Stärkewert versehen sind. Die Spielenden können nun in der Rolle von Aline mit verschiedenen Taktiken auf diese Kernargumente reagieren: überzeugen, ablenken, nachgeben. Ziel ist es in der Regel, den Gegenüber von der eigenen Position zu überzeugen. 

Jede dieser Aktionen kostet Argumente, die die Spielenden zuvor über kleine Aufgaben (wie das  Vorsortieren der Dokumente für die Übersetzung, oder die Zuarbeit bei der Erstellung einer Beweiskette) oder Flurgespräche sammeln konnten. Der Gedanke dahinter ist klar: Gute Argumente entstehen nicht aus dem Nichts heraus, sondern durch Vorbereitung, Recherche und Arbeit. 

Mit Dokumenten spielen

Die Nürnberger Prozesse standen vor einer gewaltigen Herausforderung: Unmengen an Beweisdokumenten, aber zu wenig Zeit und zu wenig Übersetzer*innen. Das Spiel übersetzt dieses historische Chaos in ein abstraktes Match-Paar-Puzzle.

Spielende sortieren unterschiedliche Dokumenttypen – im abgebildeten Beispiel sind das Täterdokumente, Listen, Tagebücher oder Fotos – indem sie zwei gleiche, nicht blockierte Symbole finden und in die Ablage verschieben. Die Ablage simuliert die historische Priorisierung: Was muss zuerst übersetzt werden, was ist dringlich? 

Das Spiel zeigt, wie begrenzt Ressourcen damals waren und wie wichtig es war, Struktur in dieses Material zu bringen. Es zeigt auch: Selbst scheinbar banale Tätigkeiten wie Sortieren, Filtern und Priorisieren waren im Prozess von Bedeutung. Denn ohne diese Vorarbeit hätten viele zentrale Beweisstücke im Gerichtssaal überhaupt nicht präsentiert werden können. Gleichzeitig vermittelt es Wissen über verschiedene Beweistypen und belohnt die Sortierarbeit mit Argumentationspunkten für spätere Diskussionen.

Prioritäten setzen und Standpunkte einnehmen

Ein zentrales Spielelement ist der Umgang mit Prioritäten (über das Spielelement “Fokus”). Pro Prozessphase stehen nur wenige Fokusbegegnungen zur Verfügung. Spielende müssen abwägen, welche Gespräche sie führen und welche Aufgaben sie übernehmen. Diese Begrenzung macht sichtbar, dass Zeit, Aufmerksamkeit und Einfluss auch in historischen Kontexten endlich sind. Entscheidungen lassen sich nicht rückgängig machen und es gibt keine optimalen Lösungen.

Im Anschluss an die Fokus-Begegnungen zwingt die Standpunkt-Mechanik zur persönlichen Positionierung. Nach zentralen Spielsituationen wählen die Spielenden ihre Haltung zu grundlegenden Fragen des Völkerstrafrechts: Wer soll angeklagt werden? Wer trägt Verantwortung? In welcher Sprache sollen Zeuginnen und Zeugen aussagen dürfen?  Mit jeder Entscheidung wächst das Verständnis dafür, dass Recht immer verhandelt wird und dass der Weg zur Gerechtigkeit damals wie heute nicht einfach ist.  Im Notizbuch können sie ihre Entscheidung mit denen anderer Spielenden vergleichen.

Tribunal 45 spielen

Das Spiel ist kostenlos in der App “Memorium Nuremberg Trials” für Android und iOS verfügbar. Es richtet sich an medienaffine Menschen ab 16 Jahren, insbesondere Besuchter*innen des Memoriums Nürnberger Prozesse, die die Eindrücke des Museums im Spiel erweitern möchten. Aber auch andere Interessierte sind eingeladen, das Spiel herunterzuladen und zu spielen. Die Spieldauer variiert zwischen 20 und 40 Minuten. 

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